aus Transformator 01/2026
... in Ründeroth | Seit dem 11. Jahrhundert wird im Bergischen Land nach Eisenerzen gegraben. Sehr bedeutende Erzlagerstätten gab es im Raum Engelskirchen. In den Wäldern rund um die ehemalige Grube Kaltenbach finden sich Reste von Schlackenhalden, mittelalterlichen Rennöfen und Wasseranlagen. An die Entwicklung des Bergbaus, vom Abbau an der Oberfläche bis zum Bau von immer tieferen Schächten, schloss sich zwangsweise die Verhüttung der Erze an. Dies geschah lange Zeit mit Hilfe von Rennfeueröfen; das waren Schachtöfen aus Lehm, die etwa einen halben Meter im Boden steckten. Im oberirdischen Teil dienten Windlöcher der Luftzufuhr zur Hitzeerzeugung. Sie wurden deshalb meist an luftigen Berghängen gebaut und mit Holzkohle und Erz beschickt. Im Ofen entstanden Eisenklumpen (Luppen) und eine flüssige Schlacke, die zu Boden rann (deshalb Rennofen). Es gab allein im Raum um die Grube Kaltenbach 23 solcher Rennöfen, sie waren die ersten Schmelzhütten.
Bald verlagerte sich die Eisengewinnung in die Täler. Die Wasserkraft als Energieträger begründete diesen Standortwechsel. Der mechanische Antrieb von Blasebälgen mit Wasserkraft stellte einen großen Fortschritt bei der Verhüttung dar, er erzeugte zuverlässig die für den Schmelzvorgang notwendige Luftzufuhr.
Nicht nur für die Verhüttung waren die Wasserräder ein hilfreicher Antrieb, sondern bald auch für die Weiterverarbeitung des gewonnenen Rohstoffs. Wasserräder trieben auch bald Hammerwellen an, mit deren Hilfe das Eisen weiterverarbeitet werden konnte.
So konnten sich Schmelzhütten und Hammerwerke zusammen zu einer vorindustriellen Eisenindustrie entwickeln: Es gab reiche Eisenerzfunde in der Region – ein dichtes Gewässernetz zur Nutzung der Wasserkraft – ausgedehnte Waldgebiete, deren Holz in Köhlereien zum Brennstoff Holzkohle verarbeitet wurde. Lange wurde hochwertiges Vormaterial in Form von Stangen („Knüppeln“) aus den Hämmern in weiterverarbeitende Betriebe geliefert. Vor allem im Raum Solingen und Remscheid wurden daraus Schneidwaren, Werkzeuge und andere Gebrauchsgegenstände hergestellt.
Aber zu Beginn des 19. Jahrhunderts standen in Ründeroth viele Hammerwerke still: Die Wälder waren abgeholzt. Zum weiteren Erzabbau hätte man in tiefere Schächte investieren müssen, was nicht riskiert wurde. – Die Holzkohle musste zunehmend durch Steinkohle aus dem Ruhrgebiet ersetzt werden, aber dafür kam der notwendige Ausbau der Straßen und Bahnschienen zu spät.
Die ehemals idealen Bedingungen für Verhüttung und Verarbeitung von Eisen galten nicht mehr. Bergische Reidemeister, so hießen die vorindustriellen Metallhersteller, erkannten in dieser Situation, dass sie sich nur durch Spezialisierung, die Herstellung von Qualitätsprodukten gegen die wachsende Konkurrenz aus anderen Regionen behaupten konnten. Im Ruhrgebiet ermöglichte die Steinkohle als Brennstoff schon längst Stahlproduktion in größeren Mengen.
Einer der frühen Unternehmer in der Eisen- und Stahlerzeugung im Raum Engelskirchen war Gustav Zapp (1808-1870). Er erkannte frühzeitig die Notlage in der bergischen Eisenherstellung und machte sich auf den Weg nach England, dem damals führenden Industrieland der Welt. Dies galt nicht nur für die Entwicklung der Textilindustrie (Manchester), sondern auch für die Herstellung von Eisen und Stahl. Hier lernte Zapp ein neues Verfahren zur Herstellung von Stahl aus Roheisen kennen, das sogenannte Puddelverfahren, das der Engländer Henry Cort 1784 erfunden hatte. Es stellte eine Schlüsseltechnologie in der industriellen Revolution dar. Das Roheisen wurde in großen Pfannen im Puddelofen geschmolzen und durch ständiges Rühren (Englisch: to poodle) von Nebenprodukten, besonders Kohlenstoff, befreit. Dabei kam das Eisen nicht mehr mit dem Brennstoff in Berührung, sondern wurde nur von seinen Flammen bestrichen. Die sehr effiziente Steinkohle war dafür der ideale Brennstoff.
Mit dieser vielversprechenden Technologie kam Gustav Zapp nach Hause. Als einer der ersten auf deutschem Gebiet wurde 1827 in Ründeroth neben den alten Hämmern ein Puddelofen gebaut. Es gelang Zapp, in ihm einen erstklassigen Raffinierstahl herzustellen.
Alfred Krupp in Essen, auf der Suche nach besseren Verfahren bei seiner Stahlproduktion, hörte von Zapps innovativer Stahl- herstellung und bestellte 1852 eine Probe des Raffinierstahls aus der Ründerother Hütte. Er war nach der Verwendung dieses Materials so begeistert, dass er in Begleitung eines Fachmanns für Eisenschmelze ins Oberbergische reiste, um das Stahlpuddeln selbst zu erleben.
Von der neuen Methode war Krupp so überzeugt, dass er beschloss, ein eigenes Puddelwerk zu bauen. Nach wiederholten Besuchen in Ründeroth konnte 1855 das Puddelwerk in Essen seinen Betrieb aufnehmen. Um den Start in die neue Technologie sicher schaffen zu können, warb er sogar erfahrene Puddler aus Ründeroth ab.
Das Stahlwerk Krupp in Essen wurde groß und weltbekannt. Diese kleine überlieferte „Industriegeschichte“ zeigt uns, dass Großes gelingen kann, wenn man jederzeit offen für Neues ist und im richtigen Moment zupackt. Unter dem Motto „Die Schönste im ganzen Land“ besuchte am 7. September der Förderverein die Zeche Zollern II/IV in Dortmund und genoss dabei einen vom sonnigen Wetter begünstigten Ausflug zur Zentrale der Industriekultur in Westfalen- Lippe: Wenn Engel(skirchener)reisen! Die in Augenschein genommene Musterzeche mit der imposanten Architektur steht nicht nur für die Elektrifizierung des im Ruhrgebiet für ganz Deutschland einstmals bedeutenden Bergbaus, sondern auch für die Pioniertat einer Denkmalpflege, die Ende der 1960er Jahre erstmals ein Industriegebäude unter Schutz stellte. Gustav Zapps Unternehmen mit Puddelwerk und Hämmern ging später in dem Ründerother Stahlwerk Dörrenberg auf. Dieses erstand auch den von Gustavs Vorfahren 1783 errichteten und 1816 erweiterten Oelchenshammer. Hier wurden bis in die 1940er Jahre die aus dem Ründerother Puddelwerk kommenden Roheisenstäbe zu einem besonders hochwertigen Raffinierstahl, dem Janusstahl, weiterverarbeitet.
Text: Maria Clever Bilder: gemeinfrei